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„Drill, baby, drill!“
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„Drill, baby, drill!“

Im Wiener LeopoldQuartier entsteht eines der größten Geothermie-Kraftwerke der Stadt. Die leitende Ingenieurin Anita Angerer erklärt im Interview die Vorteile dieser Energienutzung und warum man nach Erdwärme bohren sollte, was das Zeug hält.

Sie ist nicht nur die Herrin über die hydraulischen Raupenbohrgeräte, mit denen bis auf 200 Meter in die Tiefe gebohrt wird. Anita Angerer leitet auch die dazugehörige Geothermieabteilung der PORR und führt dabei einen Trupp von 50 Mann an. Zusammen heben sie einen der größten Bodenschätze in Zeiten der Klimakrise: die Wärme in der Erde. 

Das LeopoldQuartier, das derzeit im zweiten Wiener Gemeindebezirk von UBM Development entwickelt wird, nutzt ausschließlich diese erneuerbare Energiequelle zum Heizen und Kühlen der Büros und Wohnungen. Es ist ein Vorzeigeprojekt, nicht nur für den Ausstieg aus Öl und Gas, sondern auch für ein klimafreundliches Bauen in Holz-Hybrid-Bauweise.

LeopoldQuartier, UBM Development, Wien
Das LeopoldQuartier verfügt über ein eigenes Geothermie-Kraftwerk, das alle Wohnungen und Büros mit Heiz- und Kühlenergie versorgt.

Wie die Erdwärme-Technologie funktioniert und welchen Mehrwert sie den Nutzerinnen und Nutzern bringt, hat die Expertin im Interview mit dem ubm magazin. verraten.

Das LeopoldQuartier wird mithilfe einer zentralen Geothermieanlage beheizt und gekühlt. Wie funktioniert dieses System – in einfachen Worten erklärt?

Das Herzstück der Geothermie-Anlage im LeopoldQuartier bilden einerseits Erdwäremesonden und andererseits Brunnensysteme. Erdwärmesonden sind eigentlich Wärmetauscher, die in Form von U-förmigen Rohren bis auf eine Tiefe von 150 bis 200 Meter reichen. Darin zirkuliert konstant eine Flüssigkeit, die die Durchschnittstemperatur von 14 Grad aus der Tiefe nach oben holt. Eine Wärmepumpe hebt dieses Niveau dann auf die gebrauchsfertige Raumtemperatur an. Die Brunnensysteme hingegen holen die Energie aus dem Grundwasser. Während die Sonden ideal für die Grundlastabdeckung sind, kann man mit dem drosselbaren Brunnensystem zusätzlich die Spitzen abfedern.

Durch einen sogenannten Anergiering können Lasten auch innerhalb der einzelnen Gebäude ausgeglichen werden.

In welcher Größenordnung kann man sich die Anlage im LeopoldQuartier vorstellen?

Es gibt auf dem gesamten Grundstück 192 Bohrungen bis auf eine Tiefe von 150 Meter. Die Geothermieleitungen erreichen insgesamt eine Länge von 32 Kilometer. Mit der Anlage können insgesamt jeweils 2,2 MW Spitzenleistung für die Raumheizung und Kühlung und jeweils 2,5 MWh Heiz- und Kühlenergie bereitgestellt werden. Damit zählt das LeopoldQuartier aktuell zu den fünf größten Geothermie-Kraftwerken in Wien. Das Besondere daran ist, dass bei diesem Projekt die Energieversorgung ausschließlich über lokale erneuerbare Energiequellen erfolgt – ohne Fernwärme und Fernkälte.

Wie beeinflusst dieses Energiekonzept die CO2-Bilanz eines derartigen Großprojektes?

Die CO2-Emissionen durch den Betrieb der Geothermieanlagen sind auf dem Standort gleich Null. Je nach gewähltem Stromtarif für den Betrieb der Wärmepumpen können zwischen 0 und 0,226 kg CO2-Äquivalente je kWh verbrauchtem Strom anfallen. Aufs Jahr gerechnet wären das in etwa 100 Tonnen CO2-Äquivalente, während bei einem Bezug von Fernwärme und -kälte an die 8.500 Tonnen CO2-Äquivalente anfallen würden, also das 85-Fache.

Bei einer Geothermieanlage kommt es außerdem auch zu keiner Beeinträchtigung der Luftqualität am Standort, etwa durch Feinstaub oder Stickstoffdioxid.

Anita Angerer, Leiterin Geothermie PORR, LeopoldQuartier

Mit der Geothermie bekommen die Nutzer eine Kühlung im Sommer kostenlos mitgeliefert.

Anita Angerer, Leiterin Geothermie PORR

Was sind die konkreten Vorteile für die Nutzerinnen und Nutzer?

Mit der Geothermie bekommen die Nutzer eine Kühlung im Sommer kostenlos mitgeliefert. Das ist einer der größten Mehrwerte von der haustechnischen Seite. Vor 20 Jahren, als ich in dem Bereich angefangen habe zu arbeiten, war das noch kein Thema, aber heute zählt die Überhitzung in den Städten zu den größten Herausforderungen. Da bringt die Geothermie mit ihrer Kühlung wirklich einen großen Anstieg von Lebensqualität im innerstädtischen Bereich. Hinzu kommt, dass die Abwärme nicht wie bei gängigen Kühlungen über die Außenluft abgeführt, sondern in den Sonden gespeichert wird, was wiederum zu kühleren Städten führt und Urban Heat Islands entgegenwirkt.

Ein anderer Vorteil der Erdwärme ist die energetische Autarkie, wie sie im LeopoldQuartier angestrebt wird, und damit die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern. Massive Erhöhungen bei den Heizkosten, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben, gibt es damit nicht.

Bis vor ein paar Jahren war Geothermie noch ein Nischensegment. Was hat den aktuellen Boom ausgelöst?

Einerseits die Gesetzeslage und die Förderungen für erneuerbare Energiesysteme, andererseits der Green Deal in der EU. Dahinter steckt das Ziel, klimaneutral zu werden und aus Öl und Gas auszusteigen. Mittlerweile ist eine nachhaltige Energieversorgung bei einem Neubau schon ein Muss. Auch für Anleger zählt es zu den Kaufkriterien, dass die Ausstattung einer Immobilie auf dem letzten Stand der Technik ist. Und schlussendlich hat der durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Anstieg der Energiekosten auch bei den Endverbrauchern zu einem neuen Bewusstsein beigetragen.

Der Betrieb von Immobilien, vor allem die Wärme- und Kälteversorgung, verursacht weltweit einen CO2-Ausstoß von 10 Milliarden Tonnen jährlich und hat damit einen erheblichen Anteil am Klimawandel. Kann Geothermie der Schlüssel zur Energiewende sein?

Ja, die Geothermie kann auf jeden Fall ein Schlüssel zur Energiewende sein, denn circa die Hälfte des Endenergieverbrauchs geht ins Heizen. In den Medien wird in Bezug auf die CO2-Reduktion meist der Verkehr und der Strom thematisiert, dabei liegt der wesentlich größere Hebel im Wärmesektor. Die Geothermie ist flächendeckend verfügbar und umsetzbar, auch wenn sie – kurzfristig betrachtet – nicht immer die günstigste Lösung ist.

LeopoldQuartier, Geothermie, Holz-Hybrid-Bauweise, Wien, UBM Development
Durch die konsequente Nutzung von Geothermie und Photovoltaik ist das LeopoldQuartier im Betrieb CO2-neutral. 

Mittlerweile ist das System auch für Altbausanierungen erprobt. Welches Potenzial schlummert in Ihren Augen noch in dieser Technologie?

Neben Großprojekten machen wir auch laufend Zinshaussanierungen, wo nach der Änderung der Gesetzeslage verstärkt auch Geothermie eingesetzt wird. Seit Anfang 2023 ist es in Wien nämlich möglich, auch auf öffentlichem Grund wie zum Beispiel am Gehsteig zu bohren, wenn sonst nicht ausreichend Fläche am Grundstück vorhanden ist.

Ein Potenzial, das großteils noch brachliegt, ist die tiefe Geothermie. Da wird ähnlich wie bei Erdölbohrungen vorgegangen. Man bohrt drei bis 4 Kilometer ins Erdreich und hofft, dort die entsprechende Wassermenge in der entsprechenden Temperatur von hundert Grad vorzufinden. Die Stadt Wien unternimmt derzeit entsprechende Versuche in der Seestadt und möchte damit die Fernwärme mit erneuerbarer Energie versorgen. 

Gibt es in der Tiefe genug Wärme für alle?

Ja. In der Theorie bietet die oberflächennahe in Kombination mit der tiefen Geothermie genug Potenzial, um den gesamten Heiz- und Kühlbedarf zu decken. Dafür müsste man in Zukunft noch etwas größer denken und im innerstädtischen Bereich Energiegemeinschaften gründen und quartiersübergreifend denken.

Das heißt in Bezug auf die Erdwärme gilt der Slogan „Drill, baby, drill“?

Für das, was mit unseren Bohrungen erschlossen wird, auf jeden Fall. Der Spruch steht sogar auf unserem brandneuen Bohrgerät. Ich finde es großartig, dass man diesen reaktionären Slogan hernimmt und mit etwas Positivem besetzt. Also für die Geothermie gilt voll und ganz: „Drill, baby, drill!“

Übrigens, eine gute Voraussetzung dafür wurde beim Geothermie-Symposium letzten Herbst vorgestellt, nämlich der interaktive Geothermieatlas der GeoSphere Austria. Dort kann man jedes Grundstück anklicken und erhält eine Einschätzung, wieviel Energie man an dem Standort mit Erdwärmesonden herausholen kann. 

LeopoldQuartier, Geothermie, Anita Angerer, Holz-Hybrid-Bauweise, Wien, UBM Development
Ist auf dem neuen Bohrgerät zu lesen: „Drill, baby, drill“

Wo liegen denn die Grenzen der Geothermie?

Je größer das Sondenfeld ist, umso wichtiger ist die Regeneration im Sommer. Das heißt, die Heizenergie, die im Winter aus der Tiefe geholt wird, muss im Sommer zurückgeführt werden, damit das System effizient bleibt. Aber da man dafür eine kostenlose Kühlung der Immobilien bekommt, wird das sowieso immer mitgedacht.

Abgesehen davon gibt es auch bohrtechnische Grenzen wie zum Beispiel im Großraum der Therme Wien. Dort ist es schon bei der Trassenerkundung der U1-Verlängerung zu einem oberflächennahen Gasfund gekommen. Das macht die geothermische Nutzung etwas komplizierter. Nichtsdestotrotz ist die oberflächennahe Geothermie flächendeckend und an jedem Standort verfügbar und umsetzbar.

Wie ist es für Sie persönlich, in so einem zukunftsträchtigen Bereich zu arbeiten, der nach wie vor sehr männlich dominiert ist?

Mir macht es irrsinnige Freude, dass ich etwas so Sinnvolles machen darf. Das ist extrem zufriedenstellend, und ich gehe jeden Tag gern in die Arbeit. Meine Hauptbegabung war schon immer im technischen Bereich angesiedelt, und von daher hatte ich immer schon viel mit Männern zu tun. Ich habe den Bereich Geothermie vor einigen Jahren bei der PORR in Teilzeit aufgebaut, als meine Kinder noch klein waren. Jetzt leite ich als Frau ein Team von 50 Männern, und das funktioniert sehr gut. Mittlerweile steigt auch langsam der Frauenanteil in diesem Bereich.

Ich nehme an, Sie heizen persönlich nicht mit einer Gastherme?

Nein, ich heize auch privat mit Erdwärme. Bei meinem gut gedämmten Einfamilienhaus reicht allerdings eine einzige Sonde.

Interview: Gertraud Gerst
Fotos: Susanne Einzenberger
Visualisierungen: Squarebytes

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